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Alevilik Das Wertesystem des Alevitentums
(VON: ISMAIL KAPLAN, BILDUNGSBEAUFTRAGTER DER AABF)
Die vier Tore und vierzig Stufen (Dört Kapi Kirk Makam)
Der Lebenslauf des Menschen ist nach alevitischer Vorstellung vom Streben nach einer Entwicklung des Denkens und des Ethos bestimmt. Die Aleviten sprechen von den „Vier Toren“, die der Mensch zu durchschreiten habe, um seiner Bestimmung auf der Erde gerecht zu werden und um die oben genannten Entwicklung (die Annäherung an Gott) zu erreichen. Jedem Menschen wohnt die heilige Kraft des Schöpfers inne. Durch den richtigen Weg kann jeder Mensch seine heilige Kraft entdecken und Gott näher kommen. Die Grundlagen des alevitischen Glaubens bestimmen den Glaubensvollzug.
Der „alevitische Weg“ führt durch „Vier Tore“, für die jeweils zehn Stufen gelten. Die Gebote des Alevitentums sind denn auch weniger religiöse als vielmehr ethische Vorschriften, die zu wechselseitigem Respekt und Liebe anhalten und ein gutes Zusammenleben der Gemeinschaft ermöglichen. Ein wesentlicher Teil dieser Stufen (makam) im Alevitentum ist der Bestandsteil allgemeingültiger Tugenden, die in der Erziehung und Bildung als Richtziele vorgeschrieben sind: zum Beispiel das Lernen, die Fürsorge für andere zeigen, die Natur lieben und schützen, Gutes wollen und tun, das eigene Ego beherrschen und bekämpfen, nicht hinterhältig und nachtragend sein, gerecht sein, ehrliches und rechtmäßiges Verhalten zeigen, Ehrfurcht und Achtung haben, ein harmonisches (konfliktfreies) Leben in der Gemeinschaft anstreben, geduldig sein, bescheiden sein, freigebig sein, alle Menschen als gleich betrachten, die Wahrheit frei aussprechen.
Aleviten glauben, durch das alevitische Wertesystem der “Vier Tore Vierzig Regeln“ zu reifen und den Weg zur Vervollkommnung zu finden. Die batini Ausrichtung der Aleviten, die Schriften und Glaubensaussagen mit ihren verborgenen (batini) Deutungen zu übernehmen, findet man überwiegend im Wertesystem „Vier Tore, Vierzig Stufen“. Um dieses System zu erläutern, kann z. B. die Öllampe als Analogie vorgestellt werden. Die Öllampe als Nutzware kann äußerlich betrachtet und wahrgenommen werden (äußerliche Ordnung). Ohne ihr Licht kann die Bedeutung einer Lampe aber nicht verstanden werden. Allein das Licht als wichtige Funktion wahrzunehmen, reicht jedoch nicht aus, sondern man muss die Funktionalität der Öllampe physikalisch begreifen. Man muss verstehen können, dass das Licht durch das Brennen des Öls entsteht. Das Öl kann aber ohne Docht nicht brennen. Um diese Kenntnis zu erlangen, benutzen wir unsere Augen, unser Vorwissen und unseren Verstand (Erkenntnis). Das Licht als die Erscheinung des Geheimnisses des Öls ist das Ergebnis, das am Ende eines Prozesses zustande kommt, in dem das Ziel mittels der Materie ausschließlich durch den Verstand erreicht wird (Wahrheit). Ein vergleichbarer und noch komplexerer Denk- und Wahrnehmungsablauf ist nötig, um den Prozess der Vervollkommnung zu verstehen. Dabei nutzen Menschen ihren ganzen Körper, ihren Verstand, ihr Gedächtnis, ihre Gefühle und ihren Geist. Die folgende Gegenüberstellung soll als Hilfsmittel für die Verdeutlichung verstanden werden.
Wertesystem im Alevitentum
Bereiche des Denk- und Wahrnehmungsprozesses bei Menschen
Teile einer Lampe
Prozess der Vervollkommnung
Seriat
Ordnung
Körper
Wahrnehmen
Öllampe
Die materielle Natur der Geschöpfe lernen
Tarikat
mystischer Weg
Verstand
Erkennen
Docht
Sich von Begierde zur Liebe und von Vielheit zur Einheit zu bewegen
Marifet
Erkenntnis
Gefühl
Erfühlen
Öl
Fähigkeiten durch das Herzensgefühl zu entdecken
Hakikat
Wahrheit.
Geist
Tun
Licht
Die Endstation der geistlichen Reife (das Geheimnis der Existenz) zu erreichen. Es gibt unter Aleviten Einigkeit über dieses Wertesystem, jedoch gibt es teilweise unterschiedliche Bezeichnungen für die einzelnen Stufen. Seit dem frühen 15. Jh. findet man verschiedene Angaben zum Wertesystem „Vier Tore, Vierzig Stufen“ in den alevitischen Dichtungen und Texten. Hier sind als Quellen hauptsächlich Buyruk und Makalat verwendet worden: Das erste Tor ist seriat:
Als das erste Tor gilt im alevitischen Wertesystem seriat. Es steht fest, dass die Aleviten mit dem Begriff seriat auf keinen Fall das islamische Rechtssystem „Scharia“ als religiöses Gesetz meinen. Viele Aleviten glauben, dass sie durch die Geburt in die alevitische Gemeinschaft dieses Tor durchschritten also „erledigt“ hätten. Für Aleviten ist dieses Tor lediglich eine äußerliche Voraussetzung für Regeln, die sichtbare Handlungen auf dem mystischen Weg beschreiben. Es sind Regeln, die durch das Sehen, Hören und Mitmachen wahrgenomen, verstanden und gelernt werden. Ein Wegweiser oder Meister (rehber) kann dabei dem einzelnen Schüler (talip) helfen. Die Tor Seriat wird durch die Befolgung der zehn Stufen erreicht:
1. glauben und bezeugen (Glaubensbekenntnis aussprechen)
2. lernen (Wissenschaft lernen)
3. Gottesdienst verrichten (dazu gehört beten, fasten, milde Gaben geben)
4. ehrliches legales Einkommen haben
5. Ausbeutung (haram) und Ungerechtes vermeiden
6. die Achtung der Männer Frauen gegenüber
7. die Ehe suchen (außereheliche Verhältnisse vermeiden)
8. Fürsorge für andere zeigen
9. reines Essen zu sich nehmen, für gutes Ansehen sorgen
10. Gutes wollen und tun Das zweite Tor ist der mystische Weg (tarikat)
Das zweite Tor „tarikat“ wird durch die Initiation (ikrar) in die alevitische Gemeinschaft eröffnet. Der türkische Begriff tarikat steht hier nicht für eine bestimmte Ordenstradition oder den sufischen Weg. Das Ziel ist dabei, den Sinn des Glaubens zu verstehen und zu erkennen. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht der Mensch einen Wegweiser (rehber), der ihn begleitet und ihm Beistand leistet. Das ist der Prozess, in dem der Mensch seinen Platz in der Gemeinde findet und versucht, seine Handlungen immer wieder mit dem in Einklang bringen, was in der Gemeinde Konsens ist. Das Durchschreiten dieses Tores wird erreicht durch die Befolgung der zehn Stufen:
1. sich dem geistlichen Lehrer (pir) anvertrauen
2. sich dem Lernen hinzugeben
3. auf äußeres Ansehen verzichten
4. eigenes Ego bremsen und dagegen kämpfen (sabir)
5. Achtung haben
6. Ehrfurcht haben
7. auf Gottes Hilfe hoffen
8. sich auf den Weg Gottes begeben
9. Gemeinschaft bezogen sein, Harmonie zeigen
10. Menschen und Natur lieben, schützen und auf weltliche Güter verzichten
Aleviten bezeichnen den mystischen Weg als Mohammed- Ali Weg. Der Dichter Hatayi (16. Jh.) beschreibt den Weg wie folgt:
Ibtidadan yol sorarsan
Yol Muhammet Ali`nindir.
Yetmis iki dil sorarsan,
Dil Muhammet Ali`nindir>
Gece olur gündüz olur
Cümle alem dümdüz olur
Gökte kaç bin yildiz olur
Ay Muhammet Ali`nindir
Hatayi oturmus aglar
Diline geleni söyler
Top olmus ortada döner
Nur Muhammet Ali`nindir.
Wenn du mich nach dem Weg fragst
Es ist Muhammed- Ali`s Weg
Wenn du nach heiligen Sprachen fragst
Es ist die Sprache von Muhammed-Ali
Die Nacht wird zum Tage
Die Berge verwandeln sich in Täler
Der Himmel wird zu zahllosen Sternen
Sie gehören Muhammed-Ali
Hatayi sitzt und weint
Sagt alles, was er denkt
Erscheint als leuchtender Ball
Sein Licht reflektiert das von Muhammed- Ali
Ü.: Ismail Kaplan
Das dritte Tor ist das Tor der Erkenntnis (Marifet).
Der Begriff marifet bedeutet mystische Erkenntnis und ist eine Voraussetzung für die angestrebte Vervollkommnung. Was die Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet, ist das menschliche Bewusstsein. Das menschliche Bewusstsein führt zur Erkenntnis der wahren Bedeutung des Menschen. Die Freude über diese Erkenntnis und das Erkennen der Schönheit der Schöpfung, die sich als Einssein von Körper, Emotion, Verstand und Geist offenbart, führt zu Hingabe und Ehrerbietung. Allein auf diese Hingabe zielt das Cem-Gebet und Muhabbet. Als „muhabbet“ bezeichnet man eine Zusammenkunft, bei der religiöse Gesänge vorgetragen und die Angelegenheiten der Gemeinschaft behandelt werden. Das zentrale Anliegen dabei ist die einvernehmliche Verständigung der Mitglieder der alevitischen Gemeinschaft untereinander in einem Ort der Zuneigung und Liebe (muhabbet meydani).
„Der Schöpfer schuf alles
mit Liebe und dem Gefühl des muhabbet.
Muhabbet ist der Pfeiler
des Himmels und der Erde,
über Muhabbet führt der Weg zu Gott.“
Die Selbsterkenntnis des Menschen ist also keine isolierte Erkenntnis des Individuums, sie wird vielmehr erst im gemeinschaftlichen Einssein erreichbar. In diesem rituellen Einssein wird die Selbsterkenntnis zugleich zur Gotteserkenntnis, zur Offenbarung des Weges zu Gott. Der Mensch kann gemeinsam mit seinen Mitmenschen leichter zur Wahrheit gelangen und dieses ist wiederum keineswegs endgültig, sondern erneuert sich immer wieder in jedem neuen Ritual, in jeder weiteren Zusammenkunft (muhabbet). Die Erkenntnis wird nach alevitischer Vorstellung erreicht durch die Befolgung der folgenden zehn Stufen:
1. sich gut benehmen und anständig sein
2. ehrenhaft leben
3. geduldig sein
4. genügsam sein
5. schamhaft sein
6. freigiebig sein
7. sich um Wissen bemühen
8. Ausgewogenheit und Harmonie bewahren
9. gewissenhaft sein; Fähigkeiten, die nicht (nur) durch die Vernunft zu erreichen sind, sondern durch den Seelenblick (can gözü/gönül gözü) entdecken und erreichen
10. Selbsterkenntnis üben
Wer durch dieses Tor geht, vertieft die Lehre und die Bedeutung des Gelernten. Denken und Verhalten gehen ineinander über. Das Tor rettet den Menschen vor Unwissenheit und bereitet ihn für das vierte und letzte Tor (hakikat) vor. Das vierte Tor ist die Wahrheit (Hakikat).
Im Zentrum des alevitischen Glaubens steht der Mensch als Wesen, das sich selbst sucht und erkennen will. Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo werde ich hingehen? Seit Jahrtausenden versuchen die Menschen, ihr Wissen zu erweitern. Das Wissen über sich selbst blieb jedoch bis heute lückenhaft, so lange es nur ein Wissen des Verstandes war. Die Einbettung von Wissen des Verstandes in das emotionale Wissen des Körpers durch Musik und Bewegung macht aus dem Wissen des Kopfes ein Wissen des ganzen Menschen. Der Mensch erfährt sich ganz und weiß sich ganz, und so vermag er dann auch als ganzer zu handeln, nicht nur vom Kopf her, sondern im gewollten Einklang von Gefühlen und Körper. In dieser Ganzheitlichkeit liegt dann der Schlüssel zur Wahrheit (Hakikat), zur Selbsterkenntnis und dem, was aus ihr folgt. Dazu sind folgende Stufen zu benennen:
1. bescheiden sein, alle Menschen achten und ehren, 72 Glaubensgemeinschaften als gleichberechtigt anerkennen [1]
2. an die Einheit von Allah, Muhammed und Ali glauben
3. Beherrsche dich (Hüte, deine Hand, deine Zunge und deine Lende); nicht lügen, nicht stehlen und nicht gewalttätig werden, keine Untreue in der Ehe
4. Glaube an die Widerspiegelung Gottes (seyr)
5. Gott Vertrauen schenken
6. Austausch und Freude über die Erkenntnis, mit Gott und seiner Gemeinde eins zu sein (Yunus Emre: Ich habe genug an der Spaltung/Trennung gelitten, ich genieße jetzt das Zusammensein. Ikilikten usandim, birlik hanina kandim.)
7. Wachsen in dieser Erkenntnis und dabei der Lösung des Geheimnisses Gottes näher kommen
8. Einklang mit dem Willen Gottes zeigen
9. sich ins Nachsinnen über Gott versenken (auch ein kurzzeitiges Versenken in Gott zählt mehr als 70 Jahre Gebet)
10. das Herz von der Sehnsucht nach Gott erfüllen zu lassen und das Geheimnis Gottes lösen (münacat und müsahede)
Die „Vier Toren und Vierzig Stufen“ sind nicht als lineare Richtung, als hintereinander stehende Reihe von Regeln zu verstehen. Es sind Werte und äußerliche Regeln, die untereinander in Beziehung stehen, die gleichzeitig einzuhalten und zu fühlen sind. Es ist für die Gläubigen eine lebenslange Aufgabe, sich mit diesen Werten auseinanderzusetzen und sein Ego zu besiegen. Alevitische Geistlichen versuchen, diese Aufgabe durch einfache und nachvollziehbare Gleichnisse zu verdeutlichen. „Beim Tor seriat gibt es Besitzstandbezeichnungen wie meins und deins. In den Toren tarikat und marifet sowohl deins als auch meins. Beim Tor hakikat weder deins noch meins“.
Nach der Überlieferung sprach Yunus Emre nach 40- jährigem Dienst im Kloster (dergah) bei Tabduk Emre die von ihm erkannte Wahrheit hakikat wie folgt aus:
Haktan inen serbeti içtik elhamdülillah
Kuru idik yas olduk, ayak idik bas olduk,
Kanatlandik kus olduk, uçtuk elhamdülilah.
Yunus Emre
Wir waren trocken, wurden feucht (lebendig),
wir waren Fuß, wurden Kopf,
Beflügelten uns, wurden Vögel, flogen- Lob, Preis sei Gott !
(Übersetzung: Annemarie Schimmel) Die Aleviten glauben, dass jede Alevitin und jeder Alevit durch den Anteil ihrer/ seiner heiligen Kraft Gottes zur Erkenntnis der Wahrheit Gottes kommen kann, wenn sie/ er ihr/ sein Leben regelmäßig und vollkommen nach den oben genannten Stufen führt. Ein Gedicht von Yunus Emre sagt zum Gefühl für die Stufe „Wachsen in der Erkenntnis“:
Canlar canini buldum,
Bu canim yagma olsun.
Assi ziyandan geçtim
Dükkanim yagma olsun
Yunus Emre
Ich fand die Seele der Seelen.
Ich stelle mein Leben Gott zur Verfügung.
Ich verzichte jegliche Belohnung
Aus meiner Fülle kann jeder nehmen.
(Übersetzung: Ismail Kaplan)
Quelle: Ismail Kaplan, Das Alevitentum -eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft in Deutschland, Hrsg.: AABF, März 2005, Köln